Im Interview: Professor Lehmann spricht über Zusammenhänge und mögliche Maßnahmen angesichts der aktuellen Extremwetterfolgen

19.07.2021

Lesen Sie im Folgenden das Statement von Professor Boris Lehmann zu Fragen, die sich angesichts der derzeitigen Lage nach Extremwetter stellen.

1. Wie können Teile der Infrastruktur wie Stromnetze, Trinkwasserversorgung, Straßen und Schienen besser vor Extremwetter wie z.B. Starkregen geschützt werden?

Das Wesen der kürzlich wieder erfahrenen Starkregenereignisse sind sehr starke Niederschläge, bei denen binnen kürzester Zeit regional begrenzt (bspw. durch Gewitter) große Wassermengen hinabregnen. Solche Niederschläge sind so konzentriert, dass es bei dem vielen Wasser kaum zur Versickerung kommt, wie dies bei langandauernden „normalen“ Regenfällen der Fall ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass das Niederschlagswasser je nach Örtlichkeit zunächst entlang des Gefälles über Straßen und Wege abfließt, da die Kapazität der Regenwasserkanalisation infolge der hohen Wassermengen rasch erschöpft ist.

Um gegen solche Extremereignisse einen wirksamen Schutz der Infrastrukturen bewerkstelligen zu können, reichen – und das zeigen uns die aktuellen schlimmen Folgen solcher Ereignisse – die konventionellen siedlungswasserwirtschaftlichen und wasserbaulichen Bemessungsansätze nicht aus. Jedoch ist es fachlich, wirtschaftlich und lebenspraktisch auch gar nicht möglich, alle Elemente unserer Kulturlandschaften und Infrastrukturen wegen solcher Extremereignisse nun pauschal neu zu bemessen, umzubauen und damit abzusichern. Hier gilt es meiner Meinung nach, in potenziell gefährdeten Gebieten durch Einsatz von Simulationswerkzeugen zunächst zu untersuchen, wo sich die systembedingten „Engstellen“ und Schadenspotenziale bei extremen Hochwasserabflüssen und Starkregenszenarien befinden – dies müssen nicht immer unbedingt nur die Fließwege und Vorländer von Gewässern sein, da insbesondere bei Starkregen der Weg des Wassers bis in den Gewässerlauf bereits große Schäden anrichten kann. Sind mittels solcher Simulationen die neuralgischen Lokalitäten/Objekte erkannt, so können situationsadäquat ausgehend von den prognostizierten Lastfällen Konzepte zur Wasserführung, -umleitung oder dem Wasserrückhalt als auch Konzepte zur Infrastruktursicherung ausgearbeitet und umgesetzt werden. In der Regel fußen solche Konzepte auf einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen unterschiedlichster Art, deren Wirkung als Ganzes dann den gewünschten Schutzgrad bietet.

2. Wie können die Häuser in Dörfern und Städten im Binnenland besser vor Überflutung durch Starkregen geschützt werden?

In Ergänzung zu den unter (1) genannten wasserwirtschaftlichen Simulationen von Starkregen- und Extremhochwasserszenarien und den ausgehend von den Simulationsergebnissen situationsadäquaten beplanbaren Schutzmaßnahmen ist es meiner Meinung nach ebenso wichtig, die Bevölkerung für diese neue Art der Schadensrisiken zu sensibilisieren. Starkregenverursachte Überflutungen kommen – im Vergleich zu „normalen“ gewässergebundenen Hochwässern – sehr schnell und aus oftmals unvermuteten Richtungen. In der Regel gibt es hier keine Vorwarnzeiten und in heftigen Fällen kann ein Keller oder eine Tiefgarage binnen weniger Minuten vollgelaufen sein und für Bewohner, welche ihr Hab und Gut noch rasch ins Trockene bringen möchten, zur Todesfalle werden. Auch Strömungskräfte und deren Wirkungen können für viele Bürgerinnen und Bürger zur tödlichen Gefahr werden. Daher muss eine nachhaltige – also immer mal wiederkehrende – Aufklärung erfolgen, mit welchen präventiven und ad hoc Maßnahmen man sich selber sinnvoll absichern kann (bspw. Rückschlagklappe bei der Kanalanbindung des Gebäudes, wasserdichtes Abdichten von Kelleröffnungen) und welche Verhaltensregeln im akuten Gefahrenfall gelten (bspw. Flucht aus einem in die Strömung geratenen PKW). Auch die Ausbildung von Rettungskräften muss an die neuen Gefahren angepasst werden – dass zeigen die vielen Gefahrsituationen, von denen Einsatzkräfte oftmals berichten.

3. Welche anderen kritischen Infrastrukturen gibt es, die durch solche Regenfälle beschädigt werden könnten, und die geschützt werden müssten (Kläranlagen? Endlager für chemischen Müll? Chemiewerke? Krankenhäuser?)

Alle Infrastrukturen, welche sich in Tallagen und potenziellen Überschwemmungsgebieten befinden, sind bei solchen Extremereignissen gefährdet. Ortsspezifisch können Risiken durch Fachleute bewertet werden. Insbesondere Gas- und Flüssigtanks als auch Starkstromeinrichtungen (bspw. in der Industrie und dem Gewerbe) können bei Wasserkontakt zu lebensgefährlichen Situationen führen – unabhängig von der Einrichtung, in der sie verbaut sind. Daher muss das Augenmerk bei solchen Risikoanalysen nicht nur auf das Gebäude und seine Nutzung sondern insbesondere auch auf die technische Gebäudeausstattung gelegt werden. Hinzu kommen die „unsichtbaren“ Gefahrenquellen, die durch ein Extremereignis entstehen können: ich denke hier an unterhöhlte Straßen- oder Bahntrassen oder rutschungsgefährdete Hanglagen sowie unterspülte Böschungen und Gebäudefundamente. Solche Gefahrenquellen müssen unmittelbar nach dem eigentlichen Extremereignis durch Fachleute identifiziert werden, wozu Vor-Ort-Begehungen unerlässlich sind.

4. Wie sollen sich die Menschen bei Starkregen verhalten? (Es sind ja offenbar einige Menschen in ihren Kellern tot aufgefunden worden…)?

Menschen unterschätzen die Kraft und Geschwindigkeit des Wassers nur allzu oft und begeben sich daher unbewusst bei Überflutungssituationen rasch in lebensgefährliche Bereiche, um teilweise lapidare Güter (bspw. PKW, Gegenstände der Kellereinrichtung) in Sicherheit zu bringen. Grade bei den extremwetterverursachten Sturzfluten sind nicht nur eine Menge Wasser, sondern mit dem Wasser auch viel Geröll, Getreibsel, Müll und andere Sachen in Bewegung – gerät man als Mensch dort hinein, besteht neben dem Ertrinken die Gefahr des Zerquetschtwerdens – viele schlimme Verletzungen von aus solchen Fluten geretteten Personen bezeugen dies. Daher gilt es meiner Meinung nach, den Bürgerinnen und Bürgern für solche Extremsituationen folgende Verhaltensregel im Kopf zu verankern: Lauf weg vom Wasser und bring Dich so schnell es geht in Sicherheit. Hier sollte man bereits in der Grundschule damit beginnen, solche Verhaltensregeln zu vermitteln – im Fall der Fälle kann das Lebensrettend sein.

5. Wie oft werden sich solche Ereignisse wiederholen?

Hier liegt es bei den Meteorologen und Klimafachleuten, die Wahrscheinlichkeiten solcher Wetterlagen zu beziffern. Ich als Wasserbauingenieur kann nur versuchen, unseren Lebensraum darauf vorzubereiten und sinnvolle Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

Das Statement wurde gegeben auf Anfrage des Science Media Centers Germany, das die hier gestellten Fragen entwickelt hat.

Lesen Sie den Beitrag, an dem Prof. Lehmann mitgewirkt hat, auch auf der Seite von Science Media Center Germanyhier.